
Ein Talisman in der Tasche ist der Versuch, Kontrolle über etwas zu bekommen, das sich nicht kontrollieren lässt. Die Psychologie nennt das Kontrollillusion, und sie wirkt auch dann, wenn wir genau wissen, dass ein Würfel nichts von unseren Wünschen mitbekommt. Spannend wird die Sache dort, wo dieser Glaube plötzlich Geld kostet.
- Die Kontrollillusion ist seit 1975 experimentell belegt
- Ein Ritual senkt die eigene Anspannung, nicht die Gewinnwahrscheinlichkeit, und deshalb hilft es beim Vorstellungsgespräch, aber nicht am Automaten
- Hinter den meisten Glückszahlen steckt Sprache, keine Mystik
- Beim Glücksspiel kostet der Glaube an ein eigenes System Geld
Woher die Kontrollillusion kommt
Ellen Langer von der Harvard University hat 1975 ein Experiment durchgeführt, das seither in fast jeder Arbeit über Aberglauben auftaucht. Ihre Teilnehmer bekamen Lose für eine Verlosung. Eine Gruppe durfte sich ihr Los selbst aussuchen, die andere bekam eines zugeteilt. Später fragte Langer, für welchen Preis die Leute ihr Los wieder hergeben würden. Die Selbstauswähler verlangten im Schnitt 8,67 US-Dollar, die andere Gruppe gab sich mit 1,96 US-Dollar zufrieden. Die Gewinnchance war in beiden Fällen dieselbe.
Genau dieser Mechanismus steckt hinter dem Stein in der Hosentasche. Ich trage seit Jahren ein Falkenauge im Portemonnaie, und mir ist aufgefallen, dass ich es nur an Tagen suche, an denen ohnehin etwas Unangenehmes ansteht. Der Stein macht den Termin nicht besser. Er gibt mir vorher etwas zu tun.
Vom Talisman zum Spielautomaten
Die Symbole, die wir mit Glück verbinden, sind erstaunlich oft aus kommerziellen Gründen entstanden. Die Früchte auf klassischen Spielautomaten stammen aus den 1910er Jahren von der Bell-Fruit Gum Company. Weil Geldgewinne damals in Teilen der USA verboten waren, zahlten die Automaten in Kaugummi aus, und Kirsche, Zitrone und Pflaume zeigten die Geschmacksrichtung an. Aus einer juristischen Notlösung wurde ein Bildmotiv, das bis heute hält.
Der zweite Klassiker kommt aus Espelkamp. Paul Gauselmann gründete dort 1957 sein Unternehmen, und die stilisierte Sonne von Merkur hängt seither über deutschen Spielhallen. Dieselbe Bildsprache ist mit ins Netz gewandert. Bei den Merkur Spielotheken in Deutschland läuft heute auf dem Bildschirm, was früher hinter Glas rotierte. Sonne und Sieben. Nichts davon ist zufällig gewählt.
Mit den Symbolen sind auch die Rituale mitgewandert. In der Spielhalle klopften Leute auf die Scheibe, wechselten das Gerät nach drei Fehlversuchen oder bestanden auf „ihrem” Automaten. Online funktioniert davon wenig. Seit dem Glücksspielstaatsvertrag von 2021 müssen zwischen zwei Drehungen mindestens fünf Sekunden liegen. Das klingt nach nichts. Fünf Sekunden werden aber sehr lang, wenn der Kopf schon beim nächsten Dreh ist, und mir kam der Ablauf anfangs vor allem kaputt vor. Der Takt, aus dem die alten Automatenrituale überhaupt entstanden sind, existiert dort nicht mehr.
Zahlen, denen wir Bedeutung geben
Die meisten Glückszahlen sind Sprachwitz. Im Chinesischen klingt die Acht (bā) fast wie fā, ein Wort für Wohlstand. Die Vier (sì) liegt lautlich nah an sǐ, also Tod. Deshalb starteten die Olympischen Spiele in Peking am 8.8.2008 um 8 Uhr 8 abends, und deshalb fehlt in vielen Hochhäusern die vierte Etage. In Hongkong werden Autokennzeichen mit vielen Achten für sechsstellige Beträge versteigert. Die passenden Symbole dazu stehen in der Übersicht zu Glücksbringern in China.
Im deutschen Lotto lässt sich der Effekt sogar in Euro messen. Ein großer Teil der Tippscheine bleibt bei Zahlen bis 31, weil dort Geburtstage eingetragen werden. Fallen die Gewinnzahlen darüber, teilen sich weniger Tipper denselben Topf, und die Quote für den Einzelnen steigt spürbar. Die Ziehung ist zufällig, das Verhalten davor überhaupt nicht. Wenn dich deine eigene Zahl interessiert, rechnet der Lebenszahl-Rechner sie dir aus.
Was Rituale tatsächlich bewirken
Alison Wood Brooks und ihr Team haben 2016 an der Harvard Business School untersucht, was ein Ritual vor einer stressigen Aufgabe leistet. Die Teilnehmer mussten öffentlich singen oder unter Zeitdruck Kopfrechnen. Die eine Hälfte führte vorher eine kurze, festgelegte Abfolge von Handgriffen aus. Diese Gruppe war messbar ruhiger, hatte einen niedrigeren Puls und schnitt besser ab, und das galt selbst dann, wenn die Abfolge frei erfunden war und die Leute das wussten.
Ein Ritual verändert also den Menschen, nicht die Sache. Beim Vorstellungsgespräch reicht das völlig, weil dort die eigene Leistung zählt. Bei einem Automaten mit einer Auszahlungsquote um 95 Prozent ändert es gar nichts, weil es keine Leistung gibt, die man verbessern könnte. Der Spielautomat hat kein Gedächtnis. Er kennt die letzten zwanzig Drehungen nicht und wird auch nicht „langsam mal fällig”.
Wenn der Glaube ans Glück teuer wird
Der Gesetzgeber hat genau an diesem Punkt angesetzt. Neben der Fünf-Sekunden-Pause gilt in Deutschland ein Höchsteinsatz von 1,00 EUR pro Drehung. Über das Limitsystem LUGAS liegt die Einzahlungsgrenze anbieterübergreifend bei 1.000 EUR im Monat, erst mit einer geprüften Bonitätsauskunft sind bis zu 10.000 EUR möglich. Autoplay ist verboten, progressive Jackpots ebenfalls. Alle legalen Anbieter brauchen eine Erlaubnis der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder, das Mindestalter liegt bei 18 Jahren.
Diese Regeln richten sich gegen genau das Verhalten, das aus Ritualen entsteht. Wer glaubt, ein System gefunden zu haben, spielt schneller und länger. Den Ausstieg regelt bundesweit das Sperrsystem OASIS. Bei der BZgA gibt es außerdem eine kostenlose Beratung unter 0800 1 372 700, anonym und rund um die Uhr.
FAQ zu Glücksbringern und Zufall
Funktionieren Glücksbringer wirklich?
Auf das Ergebnis eines Zufallsprozesses haben sie keinen Einfluss. Auf die eigene Anspannung schon, und die zählt überall dort, wo eigenes Können mitspielt.
Warum gilt die 13 als Unglückszahl?
Die Deutung ist christlich geprägt, unter anderem über die dreizehn Teilnehmer beim letzten Abendmahl. In Italien gilt stattdessen die 17 als heikel, weil sich ihre römische Schreibweise XVII zu VIXI umstellen lässt, also „ich habe gelebt”. Andere Kulturen sehen beide Zahlen völlig neutral.
Kann ich mir eine eigene Glückszahl aussuchen?
Ja, und das ist ehrlicher als eine übernommene.
Warum wirken Rituale beim Glücksspiel nicht?
Weil jede Drehung unabhängig von der vorherigen ist. Es gibt kein Können, das ein Ritual freisetzen könnte.
Fazit
Das Falkenauge liegt weiter in meinem Portemonnaie. An den Chancen ändert es nichts, und weglegen werde ich es trotzdem nicht.
